Die Ausgangssituation

Kurz nach Mitternacht, in der Nacht vom 24. zum 25. April 2010, griffen ca. 20 Neonazis gezielt eine Gruppe Alternativer an, die gerade auf dem Gelände der alten Papiermühle grillten. Etliche weitere junge Menschen hatten den Platz im Laufe des Abends nach Gerüchten über Neonaziansammlungen in der Stadt verlassen. Die mit Baseballschlägern und Eisenstangen bewaffneten Angreifer jagten die Flüchtenden mit Sprüchen wie „Scheiß Zecken“ und „Merseburg bleibt deutsch“, schlugen einige von ihnen brutal zu Boden und traten immer wieder auf sie ein. Bevor die Angreifer flüchteten, kündigten sie an wiederzukommen: „Es ist noch nicht vorbei!“ und „Das nächste Mal seid ihr tot!“ Vier der Betroffenen mussten mit z.T. erheblichen Verletzungen im Krankenhaus behandelt werden.

Dieser gezielte und massive rechte Angriff stellt den extremen Höhepunkt eines seit Jahren in Merseburg bestehenden Bedrohungs- und Gewaltszenarios durch rechte Schläger und organisierte Neonazis dar. Vor diesem Hintergrund wird immer deutlicher, dass all diejenigen, die nicht ins rechte Weltbild passen, sich im öffentlichen Raum Merseburgs nicht mehr ohne Angst zusammenfinden können.

Seit der alternative Studentenclub „Zum fröhlichen Wecker e.V.“ auf dem Gelände der Hochschule Merseburg, der vielen der alternativen jungen Menschen als Treffpunkt und einziger Anlaufpunkt für kulturelle Veranstaltungen diente, im Oktober 2008 schließen musste, gibt es noch nicht einmal einen sicheren Rückzugsraum. Die wenigen, hierarchisch durchstrukturierten und beaufsichtigten Jugendclubs bieten nicht den Rahmen, sich selbstbestimmt zu entfalten, darzustellen und zu verwirklichen.

Sinnvolle Freizeitgestaltung ist häufig an finanzielle Voraussetzungen gebunden und bleibt zumeist konsumorientiert und fremdbestimmt. Freie Projekte, die ihre Dynamik aus dem Miteinander und der freien Entscheidung jeder und jedes Einzelnen beziehen und weitestgehend unkommerziell sind, gibt es in Merseburg bisher nicht. Ein alltäglicher Meinungs- und Interessenaustausch ohne Autoritätspersonen kann nicht stattfinden, solange kein Schutz bietendes Umfeld gegeben ist.

Selbstverständnis

Der im Jahr 2013 gegründete Verein „Initiative Alternatives Merseburg“ ist seit knapp drei Jahren in Merseburg und Umgebung auf der Suche nach einem geeigneten Gebäude, um seine Ziele zu verfolgen, einen Schutzraum zu schaffen, in dem menschenverachtendes Gedankengut und Gewalt keinen Platz haben, sich junge Menschen frei entfalten können und demokratisches Engagement vor Ort zu stärken.

Grundsätzlich soll unser Projekt allen Menschen, unabhängig von Alter, Geschlecht, sozialem Status, Herkunft, sexueller Orientierung oder äußerem Erscheinungsbild offenstehen. Die Anerkennung und Verwirklichung humanistischer und emanzipatorischer Werte frei von jeder Form von Gewalt stehen dabei im Vordergrund. Dafür bedarf es eines Schutzraumes, in dem menschenverachtende Ansichten und Gewalt keinen Platz haben. Diejenigen sind vom Projekt auszuschließen, die diesen Grundsätzen zuwider denken und handeln.
Das Projekt soll bedarfsorientiert sein und individuelle Möglichkeiten der Selbstverwirklichung schaffen. Im Vordergrund aller Aktivitäten steht die Selbstbeteiligung jeder und jedes Einzelnen.
Wir wollen uns über politische, gesellschaftliche und soziale Themen informieren und austauschen. Im Fokus der Vereinsarbeit steht hierbei immer eine offene Diskussion aller Beteiligten, um Konflikten vorzubeugen. Wichtig ist uns, keine vorgegebenen Angebote zu konsumieren, sondern unsere Freizeit selbst zu gestalten. Wir wollen alle an den vorhandenen Ressourcen teilhaben lassen.

Das Objekt soll dabei die Möglichkeiten bieten durch Musikveranstaltungen, kleinere Ausstellungen, Diskussionsrunden, aber auch durch Vereinsarbeit im traditionellen Sinne Menschen zusammenzuführen und die Stadtkultur Merseburgs damit zu bereichern. Das Organisieren von Sportveranstaltungen gehörte ebenfalls zu den bisherigen Vereinsaktivitäten und soll auch zukünftig stattfinden. Zudem plant unser Verein Informations-, Kultur- und Bildungsprojekte, um sich aktiv für eine tolerante, weltoffene Stadtkultur einzusetzen. Hinzu kann das Haus als Begegnungszentrum dienen, sowie als Ort für Kooperationsarbeit mit anderen Institutionen und Vereinen fungieren.